Interview II. – Oberarzt einer Uniklinik

Nachdem wir letzte Woche mit einer Gesundheits- und Krankenpflegerin sprachen, gab uns diesmal der Priv. Doz. Dr. med. Michael St.Pierre, Oberarzt in der Anästhesiologische Klinik am Universitätsklinikum Erlangen einen Einblick in seine Arbeit und die derzeitige Lange angesichts der Corona-Pandemie. Vielen Dank dafür!

 

  1. Das Gesundheitswesen steht vor einer der größten Herausforderungen der letzten Jahrzehnte.

Haben Sie schon einmal einen vergleichbaren Fall erlebt?

Nein, eine COVID-19 Pandemie habe ich noch nicht erlebt.

 

  1. Denken Sie, Deutschland ist für den erwarteten Ansturm an Coronafällen gut genug vorbereitet?

Es gibt viele berechtigte Kritikpunkte an unserem Gesundheitssystem. Aber die augenblickliche Situation führt uns vor Augen, auf welch hohem Niveau wir klagen. Und sie kann uns auch stolz sein lassen: Aufgrund von Bemühungen in allen Kliniken hatten wir in den vergangenen Wochen mehr freie Intensivbeatmungsplätze als Reserve, als manche Länder (z.B. Italien) überhaupt besitzen.

 

  1. Wie hat sich speziell Ihr Klinikum darauf vorbereitet?

Es wurden alle Elektivoperationen abgesagt; die Anzahl bettenführender Stationen wurde halbiert und das Personal auf den Intensivstationen geschult, damit sie im Bedarfsfall die Fachpflegekräfte mit einfacheren Tätigkeiten unterstützen können.

 

  1. Hat die Politik Ihrer Meinung nach schnell genug reagiert? Was hätte Ihrer Meinung nach eventuell anders oder besser gemacht werden können?

„Die Politik“ in dem Sinn gibt es für mich nicht, sondern vielmehr Entscheidungen auf Länder- und Bundesebene. Für mein Bundesland, Bayern, kann ich sagen, dass gut und entschlossen reagiert wurde.

 

  1. Wie hat sich Ihr Alltag durch das Coronavirus verändert?

Viele Prozesse wurden geändert, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Krankenhäusern vor Ansteckung zu schützen. Da wir auf Intensivstation viele sehr schwere Fälle erleben ist das Bewusstsein gewachsen, dass es sich hier um eine durchaus gefährliche Erkrankung handelt.

 

  1. Wie gehen Sie mit dieser besonderen Belastung um?

Da ich im OP und nicht auf Intensivstation tätig bin habe ich nur dann Kontakt zu COVID-19 erkrankten Patienten, wenn diese sich einer OP unterziehen müssen. Hier gelten sehr strenge Hygienerichtlinien, aber die Belastung ist allenfalls punktuell.

 

  1. Es wurden bereits einige Coronafälle aus Italien in Ihr Klinikum verlegt. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?

Es wurden auch aus der näheren Umgebung Patienten in unser Klinikum verlegt, sodass der geografische Ursprung der Patienten eigentlich keinen Unterschied macht

 

  1. Was motiviert Sie trotz der prekären Situation des Gesundheitswesens Ihren Job zu machen?

Ich würde eigentlich nicht sagen, dass die Situation unseres Gesundheitswesens prekär ist. Wie ich bereits gesagt habe zeigt die augenblickliche Situation vielmehr, welche Ressourcen vorhanden sind. Eine spezielle Motivation, meinen Beruf zu tun benötige ich eigentlich nicht, da es ein Beruf ist, den ich auch nach über 25 Jahren immer noch sehr gerne ausübe.

 

  1. Wie kann man Angestellte im Gesundheitswesen, vielleicht auch von zuhause aus, konkret unterstützen? (Im Moment aber auch in der Zukunft nach der Krise) Gibt es etwas, was wir als Jugendverband tun oder leisten können, um Sie und Ihre Kolleg*innen zu unterstützen?

Ja, nicht krank werden. Social Distancing, Gesichtsschutz tragen, Abstand halten und auch Andere motivieren, jetzt nicht leichtsinnig zu werden. Die Gefahr ist noch lange nicht vorbei.

 

  1. Was würden Sie anderen Angestellten im Gesundheitswesen, die sich mit der belastenden Situation besonders schwertun, raten?

Bevor ich rate, würde ich mich mit den Angestellten unterhalten, um herauszufinden, welche Aspekte genau zu der Belastung beitragen. Diese können ja sehr unterschiedlich sein und von mangelnder Schutzausrüstung über zu wenig Personal bis hin zu belastenden Einzelschicksalen reichen. Entsprechend unterschiedlich müssten Hilfsangebote ausfallen.

 

  1. Gibt es konkrete Forderungen, die Sie als direkt betroffene, systemrelevante Berufsgruppe an die Politik stellen bzw. was erwarten Sie konkret von der Politik?

Nein, in meiner Wahrnehmung gibt es im Augenblick viele kleine Sternstunden der Politik, in denen den Bürgerinnen und Bürgern signalisiert wird: Wir versuchen alles in unserer Macht stehende zu tun, um euch jetzt nicht im Stich zu lassen und materiell zu unterstützen. Meine Hoffnung ist, dass dies zu einer Stärkung des Vertrauens in die Demokratie und den Staat führt. Dass die AfD mittlerweile unter 10% ist, könnte schon ein positives Indiz dafür sein

  1. Haben Sie aus ihrem Umfeld mitbekommen wie Kolleg*innen mit Kindern im betreungsbedürftigem Alter mit deren Betreuung umgehen? Gibt es dafür ausreichend Kapazitäten?

Ja, da wir zu den systemrelevanten Berufen gezählt werden ist für Betreuung gesorgt

  1. Mit welche langfristigen Konsequenzen für das Gesundheitswesen rechnen Sie nach der Krise?

Wünschenswert wäre eine deutliche bessere finanzielle Honorierung der Pflegekräfte. Da aber alle Kliniken in diesem Jahr defizitär arbeiten werden wird dafür vermutlich kein Geld vorhanden sein.

 

  1. Wie ist derzeit die proportionale Verteilung von Corona-Patienten zu „anderen“ Patienten in Ihrer Abteilung? Mit welcher Verteilung rechnen Sie in zwei, vier und acht Wochen?

Es werden im Augenblick nur 10% der bereitgestellten Kapazitäten genutzt. Seit heute sind in Bayern einige Lockerungen erfolgt, sodass deren Auswirkung in zwei bis drei Wochen sichtbar werden dürften. Eine Prognose ist schwierig.

 

  1. Fühlen Sie sich durch die bisher getroffenen Maßnahmen zum Schutz des Personals ausreichend geschützt?

Ja, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern sind die Schutzmaßnahmen hier bei uns ausreichend, sodass man sich geschützt fühlen kann.

 

  1. Vielen Dank für das Gespräch und den Einblick in Ihre Arbeit. Ich möchte mich im Namen aller Jusos aus Erfurt und bestimmt vieler anderen bei ihnen bedanken.

Ein Schlusswort oder etwas, dass Sie noch loswerden möchtest? Eine Aufforderung an die Leser*innen?

Dass es in Deutschland im Augenblick so gut aussieht ist die Folge konsequenten Screenings, Containment und rigoroser Maßnahmen im öffentlichen Raum. Sie sind nicht der Beweis dafür, dass das alles viel zu übertrieben war. Daher die Bitte: Auch weiterhin Social Distancing, Gesichtsschutz tragen, Abstand halten und auch Andere motivieren, jetzt nicht leichtsinnig zu werden.

 

Interview vom 27.04.2020, geführt von Mareike Kernstock

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