Interview I. – Krankenpflegerin einer Pandemiestation

Die aktuelle Situation betrifft uns alle. Von „normalen“ Zuständen kann seit einigen Wochen nicht mehr gesprochen werden und die Veränderungen sind überall spürbar.
Manche Menschen sind aufgrund ihres Berufes besonders von der Corona-Krise betroffen. So erleben die Angestellten im Gesundheitssystem derzeit die wohl größte Herausforderung seit vielen Jahren.
Wir sprachen am Telefon mit Marie* (22), die als Krankenschwester in der Pandemie-Station in einem Nürnberger Krankenhaus arbeitet, über ihre Arbeit, die zusätzliche Belastung durch die Corona-Krise, ihre Erwartungen an die Politik und wie wir helfen können.


1. Liebe Marie, vielen Dank, dass Du dir die Zeit nimmst, uns ein paar Fragen zu beantworten.
Erstmal würde uns interessieren, was deiner Meinung nach deinen Beruf und deine Arbeit ausmacht.

Es ist ein sehr sozialer und sehr verantwortungsvoller Beruf. Man hat für viele Menschen Verantwortung und es dürfen einem keine Fehler unterlaufen. Bei uns hat man pro Schicht für 15 Patienten Verantwortung. Mir gefällt der Beruf sehr und er macht mir Spaß, weil man von den Patienten auch oft etwas zurückbekommt.

2. Wenn wir schon gerade dabei sind, was Dir an deinem Beruf gefällt: Was motiviert Dich trotz der prekären Situation des Gesundheitswesens den Job zu machen?

Bei uns im Krankenaus ist das definitiv unser Team. Wir sind alle noch ziemlich jung, verstehen uns total gut und unterstützen uns auch gegenseitig. Wir machen gemeinsam das Beste daraus. Und wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu unseren Ärzten. Sie respektieren und helfen uns, genauso wie wir auch sie respektieren und unterstützen. Das führt zu einem guten Klima und Spaß beim Arbeiten. Ich glaube, das findet man nicht oft in anderen Krankenhäusern. 

3. Die Belastung für Pfleger*innen war bereits vor Corona sehr hoch.
Was sind Deiner Meinung nach die größten Herausforderungen und Schwächen des Pflegesystems?

Eine große Schwäche und Herausforderung ist, dass zu wenig Pflegepersonal für die Arbeit da ist. Es gibt immer mehr alte, pflegebedürftige Menschen und es kommen weniger Menschen nach, die diese Arbeit machen wollen. Das heißt wir haben pro Patienten immer weniger Zeit und das führt irgendwann zu einer Abfertigung von den Patienten. Man kann z.B. nicht mal mehr ein Gespräch mit den Patienten führen und dass würde denen manchmal sehr guttun. Dadurch fühlen sich dann natürlich die Patienten schlechter betreut. Aufgrund der Anzahl der Patienten, kann nur das gemacht werden, was gemacht werden muss, für das Zwischenmenschliche bleibt überhaupt keine Zeit mehr.


4.  Wie hat sich Dein Alltag durch das Coronavirus verändert?       

Man findet schlechter Ausgleich zur Arbeit. Bei uns in der inneren Medizin hat man meistens viel Stress. Da trifft man in seiner Freizeit schon gerne mal Freunde, geht bummeln oder einfach nach draußen. Das kann man alles aktuell nicht machen. Das fehlt. Ein weiteres Problem ist, dass man zurzeit sehr spontan sein muss, weil man immer mal wieder angerufen wird, dass man jetzt arbeiten muss oder kurzfristig frei hat.


5. Wie gehst Du mit dieser zusätzlichen Belastung um?

Ich gehe damit eigentlich ziemlich gut um. Ich muss das positiv sehen, denn ich muss da ja sowieso durch. Es gibt keine Veränderung aktuell und damit müssen wir leben. Also müssen wir einfach das Beste draus machen. So sehen das auch meine Kollegen. Zumindest sehen wir uns trotzdem auf der Arbeit und können uns unterhalten. 

6. Zu Beginn der Krise haben nach dem Vorbild anderer europäischer Länder viele Bürger*innen hier begonnen, ihre Dankbarkeit durch Klatschen auszudrücken. Was halten Du und Deine Kolleg*innen davon?

Davon halten meine Kollegen und ich ehrlich gesagt nicht wirklich viel, weil wir denken, dass damit zwar jemand angefangen hat, der es vielleicht tatsächlich ernst meint, aber bei allen anderen die dann einfach mitmachen, weiß man nicht, ob die das tatsächlich ernst meinen. Wir können uns vorstellen, dass die Masse das nicht wirklich ernst meint und Klatschen hilft uns auch nicht viel. Wir machen jetzt im Prinzip nichts anderes als vorher auch.        

7. Wie kann man Angestellte im Gesundheitswesen, vielleicht auch von zuhause aus, konkret unterstützen? (Im Moment, aber auch in der Zukunft nach der Krise)

Auf die Frage habe ich tatsächlich keine Antwort, weil es leider nichts gibt, was man von zuhause aus machen kann. Wir können ja z.B. auch kein Home-Office machen.
Was alle Angehörigen, deren Patienten bei uns sind, machen können, ist auf uns Rücksicht zu nehmen, indem sie z.B. nur einmal am Tag anrufen. Wir verstehen, dass sie sich Sorgen machen, aber wir machen zurzeit fast nur noch Telefondienst.

8. Gibt es Möglichkeiten für Menschen ohne medizinische Ausbildung vor Ort zu helfen?

Da habe ich schonmal bei uns im Haus nachgefragt, aber das ist auch schwierig, weil man viel Verantwortung hat und es im Gesundheitswesen eigentlich nichts gibt, was man ohne Ausbildung ausführen kann. Daher nehmen sie nur Ausgebildete. Es gibt kleine Ausbildungen, die nur ein oder zwei Jahre dauern wie z.B. Pflegeassistent*in. Diese werden natürlich gerne zur Unterstützung der Schwestern genommen, damit letztere sich mehr auf das Medizinische konzentrieren können. Doch solche Ausgebildete gibt es leider zu wenig bzw. sie arbeiten dann schon in Seniorenheimen, wo sie auch gebraucht werden. 

9. Diese Krise hat noch einmal verdeutlicht wie elementar wichtig Eure Arbeit ist. Wir Jusos hoffen darauf, dass sich die Dankbarkeit in Solidarität bei Lohnverhandlungen umschlägt. Wie können wir als Jugendverband Eure Arbeit und Kampf um gerechtere Löhne unterstützen?

Ich weiß nicht, was es so für Möglichkeiten gibt. Die Veröffentlichung dieses Interviews ist schon mal eine gute Möglichkeit, das Verständnis für unsere Arbeit zu stärken. Ich denke, man braucht Zuspruch von vielen Seiten und das Verständnis dafür, was wir machen. Das muss dann an die Oberen weitergetragen werden. Aber wie man letztere dann überzeugen kann, ist natürlich schwierig.[i] 

10. Gibt es konkrete Forderungen, die Ihr an die Politik stellt bzw. was erwartet Ihr konkret von der Politik?

Ganz allgemein würde ich sagen, mehr Pflegepersonal, also einen höheren Pflege-Personalschlüssel und einen höheren Lohn.

11. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und die Bundesvereinigung der Arbeitgeber in der Pflegebranche (BVAP) haben sich auf eine Prämie geeinigt. Wegen der Zusatzbelastungen in der Coronakrise sollen Vollzeitbeschäftigte in der Altenpflege mit dem Juli-Gehalt eine Prämie von 1.500 Euro bekommen. Für Azubis ist eine Extra-Zahlung von 900 Euro geplant. Teilzeitbeschäftigte sollen eine Prämie entsprechend ihrer tatsächlich geleisteten Stunden erhalten.
Hältst Du das für den richtigen Weg? Geht das weit genug oder sind höhere Zahlungen notwendig?

Was diese Zusatzzahlungen betrifft, weiß ich folgendes: Wir bekommen von Bayern aus einen Pflegebonus von 500 Euro. Von Deutschland steht eine Prämie von 1500 Euro im Raum, aber diese ist noch nicht sicher. Für den Pflegebonus von Bayern muss ein Antrag ausgefüllt und vom Arbeitgeber unterschrieben werden. Dieser muss dann eingescannt und abgeschickt werden, damit man den Bonus erhält. Meiner Meinung nach ist das ziemlich viel bürokratischer und zeitlicher Aufwand. Da wir doch alle als Angestellte registriert sind, könnte es doch auch möglich sein, uns den Bonus in dieser Situation ohne offiziellen Antrag auszustellen.
Natürlich finde ich es nicht schlecht, dass wir etwas bekommen, aber tatsächlich finde ich das angesichts der derzeitigen Lage ein bisschen zu wenig.     

12. Das Bundesgesundheitsministerium hat wegen des Corona-Virus die erst seit kurzem geltende Personaluntergrenze im Pflegebereich ausgesetzt. Wie Gesundheitsminister Spahn (CDU) in einem Brief an Krankenhäuser und Krankenkassen mitteilte, sollten die Krankenhäuser „bei der Personalplanung flexibel auf die Ausbreitung des Coronavirus reagieren können.“
Führt dies zu einer Mehrbelastung? War dieser Schritt, zumindest in Deiner Einrichtung notwendig?
Zur Erklärung: bei uns im Haus läuft es folgendermaßen: Das von der Regierung Gesagte geht zu unserer Krankenhausleitung. Diese gehört aber nicht zum Pflegepersonal und hat daher nichts mit dem Pflegebereich zu tun.
Er hat in diesem Fall beschlossen, ein paar Stationen aus dem Krankenhaus zuzumachen, die im Moment nicht mehr so relevant sind. Das ist eigentlich vom Denken her nicht verkehrt, weil nur noch die ganz wichtigen Operationen u. ä. stattfinden. Allerdings muss beachtet werden, dass das ganze Pflegepersonal von den Stationen, die geschlossen worden sind, auf die drei inneren Stationen verteilt wurden. Das Pflegepersonal aus den anderen Stationen ist sehr gut ausgebildet in ihrer Fachrichtung, nur sind sie weniger geeignet für die innere Medizin, weil sie z.B. nicht so gut mit dem Stress umgehen können und sich auch nicht mit all unseren Aufgaben und Instrumenten hier auskennen. Das kann meiner Meinung nach schon etwas gefährlich sein, da es jetzt auch nicht mehr zu stemmen ist, dass immer eine von uns, die sich auskennt, mit dem Personal aus anderen Stationen zusammenarbeitet.
Das liegt daran, dass eine Pandemiestation aufgemacht wurde, die komplett von den anderen Stationen abgetrennt ist. Und auf diese kommen nur Pflegekräfte, von denen erwartet wird, dass sie kompetent und mit den geltenden Anforderungen vertraut sind. Das bedeutet, dass viele Schwestern der inneren Stationen auf der Pandemiestation sind. Dadurch fehlen auf den normalen inneren Stationen, die Schwestern mit dem notwendigen Wissen.
Außerdem sind wir jetzt alle von oben angewiesen Überstunden bis ins Minus abzubauen und das wieder reinzuholen wird schwierig und bedeutet, dass wir danach wahrscheinlich die ganze Zeit arbeiten müssen. Meiner Meinung nach hätte man auch eine innere Station zur Pandemiestation machen und dafür das ganze Personal der früheren inneren Station übernehmen können, anstatt dass das ganze Personal Minusstunden machen soll. Ich befürchte daher auch, dass wir dieses Jahr dann weniger Zusatzleistungen wie z.B. Urlaubsgeld bekommen werden.


13.  Hast Du aus Deinem Umfeld mitbekommen wie Kolleg*innen mit Kindern mit deren Betreuung umgehen? Gibt es dafür ausreichend Kapazitäten?
Dies ist für die Betroffenen schwierig, weil meistens beide Elternteile in der Pflege arbeiten und weiterarbeiten müssen. Und so wie ich das herausgehört habe, gibt es zu wenig Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder, auf die zurückgegriffen werden kann. Die Betroffenen müssen sich mit ihren Schichten abwechseln und die Betreuung teilen. Die oft umfangreichen Aufgaben, die die Lehrer für die Kinder schicken, erschwert das noch. Es ist nicht zu bewältigen, wenn beide Elternteile im Pflegeberuf arbeiten.


14. Gibt es klare Handlungsanweisungen (beispielsweise vom Robert-Koch-Institut) zu Abläufen bei Verdacht einer Infektion mit Covid-19 für Beschäftigte im Bereich der Pflege?          

Ja wir kriegen immer wieder neue Anweisungen vom Robert-Koch-Institut (RKI). Diese werden an die Oberärzte, die Ärzte und die Notaufnahme weitergeleitet und von diesen dann zu uns. Z.B. hat sich unsere Notaufnahme samt Zimmer und Personal geteilt. Meistens kommen die Patienten mit Verdacht auf Corona mit dem Rettungswagen, selten mal zu Fuß. Nach einer Pflegeanamnese und einer Untersuchung durch den Arzt, wird bei passenden Symptomen oder Kontakt zu positiven Fällen ein Abstrich gemacht. Nach 24 Stunden kommt das Ergebnis. Der Patient kommt in der Zwischenzeit auf die Pandemiestation und wird dort in seinem Zimmer isoliert. Bis dahin muss das Personal sich dementsprechend kleiden, wobei sich die Kleidungsanweisungen vom RKI oft auch ändern. Wenn der Abstrich negativ ist, wird der Patient sofort auf eine normale Station verlegt.

15. Wie viele Menschen kommen circa mit Verdacht auf Corona und wie viele bleiben im Verhältnis dazu? Sind diese Zahlen im Moment mit Blick auf Personal und Räumlichkeiten noch relativ gut zu stemmen oder sind sie eher an den Grenzen der Kapazität zu verordnen?

In den letzten 1,5 Wochen haben wir keine neuen positiven Patienten mehr gehabt.
Im Moment ist es also wieder besser, am Anfang war es schlimmer. Da waren noch mehr Patienten da. Viele erwarten aber anscheinend, dass bald wieder mehr kommen.     

Was mir gerade dazu noch einfällt, ist, dass es tatsächlich in Deutschland noch Menschen gibt, die überhaupt keine Ahnung haben, was derzeit los ist. Das habe ich selbst schon erlebt. Ich denke daran liegt es auch zum großen Teil, dass die Zahlen weiter steigen.        

15. Fühlst Du dich durch die bisher getroffenen Maßnahmen zum Schutz des Personals ausreichend geschützt?           
 

Mittlerweile ja, am Anfang nicht. Am Anfang gab es die Regelung, dass wir Masken und Kitteln sparen mussten. Das hat dazu geführt, dass wir beispielsweise eine Maske für jedes Zimmer pro Schicht hatten, die wir immer dann aufsetzen sollten, wenn wir das Zimmer betreten. Da war ich mir nicht sicher, ob der Schutz ausreichend gegeben ist, weil z.B. vielleicht doch mal jemand hinfällt. Zudem benutzten wir früher so Behelfseinmalkittel, bei deren Nutzung wir den Abstand einhalten sollten. Nur kann man bei uns schwer den Abstand einhalten, weil zu uns größtenteils die pflegebedürften Coronapatienten kommen. Die fitten Patienten gehen schließlich zuhause in Quarantäne.
Aber da wir mittlerweile auch nicht mehr so viele positive Fälle haben, ist ausreichend Material da. Angesichts der Tatsache, dass die Maskenpflicht nächste Woche beginnt, habe ich allerdings Bedenken, dass wir dann wieder zu wenige Masken bekommen, weil nun die ganze Bevölkerung diese benötigt. Auch sollen die Läden, die jetzt dann wieder aufmachen, wohl nach Vorschriften z.B. Desinfektionsspender aufstellen. Auch da mache ich mir Sorgen, ob es dann bei uns erneut zu Engpässen kommen könnte.       

16.  Vielen Dank für das Gespräch und den Einblick in Deine Arbeit. Ich möchte mich im Namen aller Jusos aus Erfurt und bestimmt vieler anderen bei Dir bedanken.
Ein Schlusswort oder etwas, dass Du noch loswerden möchtest? Eine Aufforderung an die Leser*innen?

Ich finde es gut, dass ihr sowas macht, dass ihr auch Personen, die in dem Beruf arbeiten, zu Wort kommen lasst und das nach draußen weiterleitet. Ich hoffe, dass die Sache etwas bewirkt.

 

*Name von der Redaktion geändert


[i] Eigentlich war für diesen Sommer eine Veranstaltung der Jusos Erfurt zum Thema Pflege geplant. Wir hoffen, diese baldmöglichst nachholen zu können, um einen Teil zum Verständnis der Belastung von Pflegeberufen beizutragen und die Betroffenen in ihrem Kampf für gerechtere Löhne zu unterstützen. Bei Interesse an diesem Thema sprecht uns gerne an!

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