Wenn Kunst zu weit geht (?) – Antifaschismus legitimiert nicht alles.

Die Gedenksäule in Berlin.

Seit dem Morgen des 02.12.2019 steht vor dem Reichstagsgebäude in Berlin eine Gedenksäule samt Ausstellung und Gedenkstätte für die Opfer der Schoa. Errichtet wurde dieses vom Künstler*innenkollektiv „Zentrum für politische Schönheit“ (ZPS), die bereits in den vergangenen Jahren durch Aktionen gegen den Rechtsruck Bekanntheit erlangt haben, wie z.B. durch einen Miniaturnachbau des Holocaust-Mahnmals Berlins auf dem Nachbargrundstück des AfD-Flügel-Führer Höcke[1] im Februar 2017.

Mit Ihrer neusten Aktion will das ZPS nach eigenen Angaben daran erinnern, wie „die Konservativen 1933 die Macht leichtfertig in die Hände von Mördern gelegt haben“[2], in dem Sie an die Millionen Opfer dieses fahrlässigen Machtpokers der späten Weimarer Republik erinnern. Nach eigenen Angaben hat das ZPS hierfür die verstreute Asche der Opfer eines ehemaligen Konzentrationslagers und heutiger Gedenkstätte gesammelt und diese in die zentrale Gedenksäule des Aufbaus eingelagert. Die Asche soll dabei von Opfern der Nazi-Diktatur stammen, deren Asche gegen Ende der NS-Zeit, zumeist in umliegende Gebiete transportiert und dort abgeladen wurden. Noch heute finden sich dort menschliche Überreste von den Nazis ermordeten (vor allem von Jüd*innen) in diesen Wäldern.

Wo ist denn das Problem?

Noch am selben Tag trat das ZPS mit ihrer Aktion eine Welle von Bestürzung, Empörung und Wut los, die vor allem von den Überlebenden und Hinterbliebenen sowie deren Verbänden und unterstützenden Komitees medial verbreitet wurde. So schreibt Christoph Heubner (Vorsitzender des Internationalen Ausschwitz Komitees) in der Jüdischen Allgemeinen: „Auschwitz-Überlebende sind bestürzt darüber, dass mit diesem Mahnmal ihre Empfindungen und die ewige Totenruhe ihrer ermordeten Angehörigen verletzt werden.“[3]

Wir Jusos stehen in der antifaschistischen Tradition seit an seit mit den Opfern, Hinterbliebenen und Vertreter*innen der Schoa. Uns irritierte diese Aktion des ZPS sehr, da wir diese bisher als Kämpfer*innen gegen den immer stärker werdenden Rechtsruck der Gesellschaft angesehen hatten. Zu diesem Kampf gehört neben dem aufzeigen faschistischer Strukturen, dem (öffentlichen) Kampf und solidarischen Selbstschutz gegen Nazis auch immer die Gedenkarbeit zu den Eckpfeilern antifaschistischer Arbeit. Wir schließen uns der Kritik an diesem Mahnmal an, den Opfern ihre ewige Totenruhe zu rauben, an und teilen die Empörung vieler Betroffener.

Diese Aktion des ZPS war sicherlich gedacht als ermahnende Geste gegen eine Beteiligung faschistischer Parteien in der deutschen Bundespolitik und dieses Ziel ist auch unterstützenswert. Dabei sollte aber immer im Vordergrund stehen, welche kollektive Verantwortung wir in dieser Gesellschaft haben. Es geht nicht allein um den Schwur von Ausschwitz „Nie wieder“. Es geht eben auch darum, den Millionen industriell ermordeten Menschen jüdischen Glaubens in den Konzentrationslagern zu gedenken, um Sie zu trauern und an Sie und ihre Hinterbliebenen mit dem Versprechen um das „Nie Wieder“ um Vergebung zu bitten. Mit dieser Aktion stellt sich die Frage, ob das ZPS, im Namen des antifaschistischen Kampfes und der Kunst, den Bogen überspannt hat? Das Ziel der Gedenkarbeit der Postkrieg-Gesellschaft sollte nicht sein, eine derartige Aktion auf Kosten und in Kaufnahme eines emotionalen Schadens der Hinterbliebenen, auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Wir finden, diese Art Aufmerksamkeit zu erzeugen, ist unvereinbar mit der Gedenkkultur, die durch und mit den Opfer und Hinterbliebenen gelebt wird. Für eine Gruppe wie das ZPS wäre es sicherlich möglich gewesen, eine Aktion durchzuführen, die sowohl Aufmerksamkeit auf das Thema Rechtsruck der Gesellschaft, als auch das Gedenken an die Opfer der Schoa zusammengebracht hätte, die genug mediale Aufmerksamkeit erzeugt. Uns ist bewusst, dass der Tabubruch das Mittel der Wahl für das ZPS ist, jedoch sollte nie die Opferperspektive vergessen werden.

Und was ist jetzt an dieser Aktion anders als an anderen des ZPS?

Was unterscheidet nun aber die Gedenksäule mit der Asche der Hinterbliebenen von, zum Beispiel, dem Nachbau des Berliner Holocaust-Mahnmals in Bornhagen?

Zum einen wurde für das Mahnmal in Bornhagen nicht die Asche der Opfer genutzt. Das allein sollte schon reichen, egal ob die Asche nun nur behauptet dort lagert oder nicht. Es geht um die Symbolik dahinter. Allein zu behaupten, die Asche würde in der Säule lagern, ist eine Geschmacklosigkeit gegenüber den Opfern. Damit medial zu „spielen“, ist keine Lapalie in Zeiten von Fake-News und co, es ist ein Angriff auf die aufrechte Zivilgesellschaft, ein Angriff auf die Eigenständigkeit der Hinterbliebenen der Schoa, selbst zu entscheiden.

Der Fall um das Holocaust-Mahnmal in Berlin/Bornhagen ist ein anderer. Als Vertretung des Volkes hat der Deutsche Bundestag seinerzeit den Bau dieses Mahnmals selbst angewiesen. Dieses Mahnmal sollte ein Zeichen von „uns“, der Gesellschaft Deutschlands, sein, dass wir uns unseres historischen Auftrages um Frieden und Freundschaft zwischen den Menschen dieser Welt immer bewusst sind. Es sollte ein Mahnmal auch für nachkommende Generationen sein, diesen Auftrag niemals zu vergessen. Wenn ein Faschist, wie Bernd Höcke, eine „Erinnerungspolitische Kehrtwende um 180 Grad“ fordert, ist eine Protest, wie ihn die ZPS mittels einer Kopie des Holocaustmahnmals auf dem Nachbargrundstück Höckes gezeigt hat, der absolut richtige.[4]. Das ZPS mag versucht haben, dieselbe Aufgabe wieder mit dem neusten Mahnmal vor dem Reichstag zu erfüllen. Aber sie sind über das Ziel herausgeschossen.

Und jetzt?

Jetzt heißt es: Arbeiten. Ein Zeichen dieser Aktion war es eben auch, dass wir die Gedenkstättenarbeit nicht aktiv genug betreiben. Chronische Unterfinanzierung und unzureichende Aufklärung in Schulen sind nur einige Beispiele für bestehende Probleme der Gedenkkultur, die die ZPS dazu veranlasste, diese Aktion zu machen und eine krasse Provokation durch die Behauptung der Ermordeten gesammelt zu haben, aufzustellen. Wenn wir als Gesellschaft unserem Auftrag gerecht werden wollen, sollten wir mehr Kraft darin aufwenden verpflichtende Klassenfahrten in Schule oder Berufsschule zu fördern, wir sollten mehr Kurse und Weiterbildungen zum Thema aktiver in die Mitte unserer Gesellschaft holen und uns vor allem stärker gegen Revisionismus der neuen  Rechten, Rechtsextremen und Neoliberalen Kräfte einsetzen. Sei es im Bus, im Wohnzimmer oder der Kneipe, wir dürfen den Faschist*innen nicht die Deutungshoheit überlassen, denn sonst hat das ZPS mit der Aktion leider Recht: Wir tun weiter zu wenig. Es ist zu spät, wenn wir uns selbst im Spiegel nicht mehr wiedererkennen, den uns die ZPS vorhält.

 

Update:

ZPS entschuldigt sich aufrichtig für ihre Aktion.

Als Reaktion der großen Kritik der jüngsten Aktionen am Platz der ehemaligen Krolloper, geht das ZPS einen wichtigen und in unseren Augen, richtigen Schritt der Entschuldigung. Nicht das Ausspielen oder beleidigen der Betroffenen, an deren Seite die Initiatoren stehen, war das Ziel ihres Mahnmals, sondern der Appell einer weitreichendere Gedenkkultur, als wir sie momentan in Deutschland haben, zu gestalten und nie wieder den Faschisten die Türen zu öffnen.

Auch wenn der Versuch in Teilen nicht das richtige Mittel war, schätzen wir die Arbeit der dieser Initiative gegen Rechts weiterhin und haben großen Respekt vor der ehrlichen Entschuldigung und konsequenten Klarstellung des ZPS.

Zitat:

„Dennoch lag uns nichts ferner, als die religiösen und ethischen Gefühle von Überlebenden und Nachkommen der Getöteten zu verletzen. Wir wollen bei Betroffenen, Angehörigen und Hinterbliebenen aufrichtig um Entschuldigung bitten, die wir in ihren Gefühlen verletzt haben.

Wir möchten insbesondere auch die jüdischen Institutionen, Verbände oder Einzelpersonen um Entschuldigung bitten, die durch unsere Arbeit die Totenruhe nach jüdischem Religionsrecht gestört oder angetastet sehen. Zwar bekommen wir auch Rückmeldung von Angehörigen, die sowohl Form als auch Aussage unserer Arbeit begrüßen, aber unser Ziel war nie, Konflikte zwischen Menschen, die auf derselben Seite kämpfen, zu befeuern. Wenn sich Menschen, auf deren Seite wir uns sehen und mit denen uns tiefe Sympathie verbindet, gegen uns Position beziehen, dann zeigt das, dass wir Fehler gemacht haben. Diese Fehler wollen wir jetzt korrigieren.“

 

[1] https://politicalbeauty.de/mahnmal.html

[2] https://twitter.com/politicalbeauty/status/1201498914433720320

[3] https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/umstrittene-kuenstler-errichten-gedenkstaette-fuer-schoa-opfer/

[4] https://www.zeit.de/news/2017-01/18/parteien-die-hoecke-rede-von-dresden-in-wortlaut-auszuegen-18171207

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