Das Problemkind: Der Erfurter Norden

 

Ein Beitrag von Jacqueline Niemietz
 

Advent, eine schöne Zeit. Vor allem für Erfurter*innen. Erfurt, die boomende Stadt, zeigt sich von seiner hübschesten Seite, rausgeputzt in Lichterketten und mit Glühweingeruch vom Anger bis zum Domplatz. Waren Sie schonmal auf dem Riesenrad zur Weihnachtszeit? Erfurt, die boomende Stadt, leuchtet von allen Seiten. Zumindest die Altstadt.

Das ist der Punkt, an dem ich Sie aus dem Wintermärchen reißen muss. Wissen Sie, was man  von dem Riesenrad aus nicht sieht? Den Erfurter Norden und die mindestens 60% Kinderarmut, die dort herrschen[1]. Waren Sie schonmal dort? Denn während wir uns im Getümmel vom Anger 1 fragen, ob zwei Geschenke pro Elternteil reichen, gibt es Kinder in dieser boomenden Stadt, die dieses Jahr nicht mal auf ein Geschenk hoffen dürfen. Und auch nicht so sehr darauf, auf ein Gymnasium zu kommen und Abi zu machen. Zumindest nicht so, wie es die Kinder in der Brühlervorstadt können.

Kinderarmut bedeutet, wenn das Kind in einem Haushalt aufwächst, dessen Einkommen unterhalb 60 % des Medianeinkommens des Landes liegt. Durch die soziale Segregation im Stadtbild, die auch nicht vor Erfurt haltmacht, ist dieser Anteil in den nördlichen Plattenbaugebieten besonders konzentriert: 60 % der Kinder im Plattenbau Nord leben in SGB-II Bedarfsgemeinschaften (vgl. Fischer, Huth, & Römer, 2016). Alarmierend hoch ist im Stadtvergleich der Anteil an Alleinerziehenden, die vom SGB-II abhängig sind. Alleinerziehende haben ein besonders hohes Risiko, in die Armutsfalle zu geraten, da die Vereinbarkeit von Beruf und Kinder ohne einen weiteren mittragenden Elternteil sehr schwierig ist.  Dieser Umstand wirkt sich auf die Bildungschancen der Kinder aus, denn in Deutschland hängen die soziale Herkunft und der Bildungserfolg im internationalen Vergleich besonders stark zusammen (vgl. Lörz & Schindler, 2011). Das bedeutet für den Erfurter Norden, dass nur halb so viele Kinder wie im Stadtdurchschnitt von einer Grundschule auf ein Gymnasium wechseln (vgl. Fischer, Huth, & Römer, 2016).

Ich will Sie nicht deprimieren. Ich möchte Sie nur dazu animieren, in dieser besinnlichen Zeit (und bitte auch danach!), die vor allem für Kinder die schönste sein soll, etwas über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Sich statt eines Glühweinbonbons diese Zahlen auf der Zunge zergehen zu lassen und vielleicht den ein oder anderen Groschen vom Weihnachtsgeld für einen guten Zweck zu spenden. Sich als Neujahrsvorsatz keinen neuen Diätplan zu überlegen, den Sie sowieso nicht einhalten werden; sondern sich zu fragen, was man dagegen tun könnte, um diesen traurigen Trend zu stoppen.
 
 
 
 
[1] Im Vergleich: Stadtweit sind es ca. 25 %.
 


Fischer, J., Huth, C., & Römer, R. (2016). Bedarfsgerechte Bildungs- und Sozialsteuerung in der Stadt Erfurt. Studie im Rahmen der Armutspräventionslinie, Institut für kommunale Planung und Entwicklung, Erfurt.

Lörz, M., & Schindler, S. (Dezember 2011). Bildungsexpansion und soziale Ungleichheit: Zunahme, Abnahme oder Persistenz ungleicher Chancenverhältnisse – eine Frage der Perspektive? Zeitschrift für Soziologie, 40(6), S. 458–477.


 

von Jacqueline Niemietz

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