Veranstaltungen, die wir scheiße finden

Am 09. November 2014 möchte der Weimarer Unternehmer und CDU-Mitglied Clarsen Ratz den Erfurter Domplatz in ein „Lichtermeer gegen rot-rot-grün“ verwandeln. Ob der Dom dazu passend schwarz-rot-gold illuminiert wird, wie das Veranstaltungstitelbild befürchten lässt, ist leider noch nicht bekannt.

Was passt uns daran nicht?

Erstens: Der umtriebige Herr Ratz möchte sicher mit dem Termin sein historisches Fachwissen beweisen (Chapeau!). Sicher möchte er auf den Mauerfall am 09. November 1989 referieren und damit seiner Veranstaltung der Reaktion den Anstrich eines Freiheitskampfes geben.

Terminlich ist das ins Klo gegriffen:
Zunächst ist zu diesem Zeitpunkt bereits alles gelaufen (die Koalitionsentscheidung liegt zu diesem Zeitpunkt fest), aber 20. Oktober oder 03. November klingen halt nicht so pathetisch.

Weiterhin war – und das sollte man auch wissen – am 9. November noch mehr los als der Mauerfall:
– Die Erschießung Robert Blums 1848 und damit das Ende der ersten deutschen Demokratie(versuche)
– Die Novemberrevolution 1918 und damit die Gründung der ersten deutschen republikanischen Demokratie
– Hitlerputsch 1923 in München
– Reichspogromnacht 1938 und damit Beginn der „offenen“ Judenverfolgung im dritten Reich

Zweitens: Wie man sich bettet, so liegt man. Eine deutschnational aufgemachte Veranstaltung gegen „die Linken“ zieht notwendigerweise üble Gestalten an. Neben den üblichen Konservativen von CDU (Marion Walsmann), AfD ( Wiebke Muhsal) und deren Jugendorganisation der Jungen Alternative (Martin Zugehör) hat bereits der NPD-Kader Franz Kotzott bei der Facebook-Veranstaltung zugesagt. Dass sich der Erfurter Gewalttäter und Ratsherr Enrico Biczysko das entgehen lässt, ist ebenfalls unwahrscheinlich. Sicher ist Herr Ratz kein Nazi, doch ist es zumindest bedenkenswert, wenn man eine Veranstaltung durchführt, die von Nazis bejubelt wird.
Am 09. November.
Mit Fackeln.

„’Wir sind das Volk!‘ Dieser Ruf soll die Volksvertreter wach rütteln. Teilt diesen Aufruf so oft ihr wollt. 25 Jahre nach dem Mauerfall, liegt es an uns ob der Wählerwille schon wieder gebeugt wird.“
(aus dem Kundgebungsaufruf)

„Wir sind das Volk“ wird mittlerweile – außerhalb der historischen Erinnerung – eigentlich nur noch im Sinne von „und ihr nicht“ bzw. als antidemokratisches Ressentiment gebraucht. Noch hanebüchener ist aber die Behauptung, der Wählerwille werde gebeugt. Die Wahl, die Sondierungen, die Koalitionsverhandlungen und die Regierungsbildung sind oder werden zu recht absolut demokratisch ablaufen. Egal wie oft man das Gegenteil behauptet. Ach ja: Wer hat damals eigentlich von den gefälschten Wahlen profitiert? Auch, dass eine Mehrheit einen linken Ministerpräsidenten befürwortet, stört hier offenbar nicht: http://t.co/papQStHzLm

Kritik am Projekt r2g und auch Ablehnung ist natürlich legitim. Es wäre jedoch wünschenswert, wenn dies auch nur einmal aus inhaltlichen Gründen geschähe und nicht ausschließlich historisierend-moralisierend.

Übrigens: Der erste Weltkrieg wurde von Sozialisten beendet. Am 09. November. Den will niemand wieder. Auch die DDR wollen wir nicht wieder, sie wird auch nicht zurückkommen. Ängste schüren unter Verdrehung der Tatsachen, um einen Aufmarsch zu veranstalten ist aber auch keine Lösung für irgendwas.

Herr Ratz: Sie werden Seit‘ an Seit‘ mit Nazis ihre Lichterkette machen. Das wird sich nicht verhindern lassen. Fangen Sie die Geister wieder ein, die Sie gerufen haben!

Hier die Einzelnachweise:

Franz Kotzott Martin Junge-Alternativemartin-zugehoer-privat
Walsmann Wiebke Muhsal

2 Antworten zu “Veranstaltungen, die wir scheiße finden

  1. Wolfgang Stürmer

    Sehr geehrte junge Freunde der Jusos,

    zu Beginn die Erklärung zu meiner Person: Mein Name ist Wolfgang Stürmer, 61 Jahre alt, Rosenstraße 23 in 99310 Arnstadt. Bin kein CDU-Wähler und habe bisher SPD gewählt. Das ist jetzt natürlich vorbei, wie für in meinem Umfeld auch.
    Wenn sich die SPD als politische Prostituierte in das Bett der Kommunisten legt, dann ist sie für viele nicht mehr wählbar. Diese Entwicklung wird sich bei der nächsten Wahl zeigen.
    Selbst lebte ich 37 Jahre in der DDR und für mich ist die SED die Partei der Diebe, Räuber und Mörder, die sich nur einen neuen Namen gab.
    Sie sollten nicht gleich die rechte Keule schwingen, wenn es Menschen gibt, deren Meinung Ihnen nicht genehm ist, nur weil sie gegen die Gefahr eines kommunistischen Ministerpräsidenten demonstrieren wollen. Die rechte Keule ist Ausdruck der Hilflosigkeit, wie Ihre Begriffe in der Fäkalsprache. Dass es in der SPD noch aufrechte Genossen gibt, zeigt sich am Beispiel am Vorsitzenden des SPD-Ortsvereins Ilmenau, Ihren Genossen Sandmann. Ist der jetzt auch voll Darmpaste, oder braun?
    Sie sollten sich ernsthaft mit den Verbrechen der SED beschäftigen und würden, bei entsprechender Intelligenz, Abstand zu den Kommunisten finden.
    Mein Vater, Jahrgang 1907, war bis 1933 in der SPD, hat sich nie mit Kommunisten eingelassen und mir in jungen Jahren den Satz von Kurt Schumacher (SPD) deutlich gemacht: „Kommunisten sind nichts anderes als rotlackierte Nazis“.

    Mit freundlichen Grüßen

    Wolfgang Stürmer

  2. Klaus Hildebrand

    Nun, wie Sie solche Veranstaltung finden, ist Ihre Sache. Es wird Sie hoffentlich nicht verwundern, daß nicht alle Bürger des Landes Ihre Auffasungen zu der Linkspartei teilen und -auch das sollten Sie akzeptieren- nicht jeder, der gegen die beabsichtigte Koalition demonstriert, ist ein „Rechter“. Die Menschen, sofern sie überhaupt zur Wahl gingen (vor allem das sollte zum Nachdenken anregen), haben ihre Stimme einer Partei und nicht einer im Nachhinein beabsichtigten Koalition gegeben. Die Linkspartei, der Sie die Führung der Regierung in diesem Land anvertrauen wollen, hat in ihrer Fraktion im Landtag nicht wenige Abgeordnete gegen die die Menschen vor 25 Jahren auf die Straßen gegangen sind. Nicht nur ein oder zwei Stasi-Mitarbeiter, sondern auch eine ganze Reihe SED-Funktionäre in damals verantwortlicher Stellung. Es ist nun für die meisten, die die DDR durchlebt und teilweise durchlitten haben, unfaßbar, daß diese Leute, die sie davon gejagd haben, nun wieder Regierungsverantwortung übernehmen sollen, wobei als Steigbügelhalter ausgerechnet die SPD fungiert. Die nächsten Wahlen, und das nicht nur in Thüringen, werden der SPD die Quittungen geben. Es wird immer heißen: Vorsicht, die sind im Stande mit den Linken zu koalieren!

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